Der Tiroler Max Reisch · Forscher – Pionier – Wissenschafter

04 -„Das würde heute nicht mehr gehen“, Max Reisch, 1983

Betrachtungen dazu von Peter H.Reisch, "Reisch-Orient-Archiv" und Sammlung Max Reisch in Bozen / Südtirol

Max Reisch 1983 in Kufstein mit seiner "Indien-Puch" 

„Das würde heute nicht mehr gehen“, sagte mein Vater 1983 zu einem Journalisten auf die Frage, wie sich solch eine Reise heute gestalten würde.   

Er bezog sich in diesem Gespräch auf die Verhältnisse im Iran, als Ajatollah Chomeini gewaltsam die Regierung des Schah von Persien abgelöst hatte und nunmehr als „Führer der Islamischen Republik Iran“ bezeichnet wurde. Das politische Gefüge hatte sich mit der Machtübernahme der Fundamentalisten  im orientalischen Raum verschoben und Max Reisch hat die Anzeichen der beginnenden islamischen Revolutionen erahnt.

Seine Pioniertat, die Erstbefahrung des Landweges von Europa nach Indien hat 1933 ein internationales Medienecho hervorgerufen. Die Reiseroute führte durch Randgebiete der Kurdenrebellen in der Türkei, vorbei an den Nomadenaufständen in Syrien und Irak. nach Afghanistan durfte gar nicht eingereist werden. Also mußte mein Vater und Beifahrer Herbert Tichy einen „Umweg“ durch die Einöden von Belutschistan (heute Teil von Iran und Pakistan) nehmen, um nach Indien zu gelangen.

238web_145_01  Nomaden in der Syrischen Wüste                       

scanimage30web_145 Kamelreiter-Patrouille zur Sicherung des Gebietes der                               Nomadenaufstände

scanimage28web_145  mit Maschinengewehr bestücktes Lastauto im Irak

Tatsächlich aber hatten die beiden jungen Studenten das Glück die Unruhegebiete schadlos zu verlassen, jene Länder standen damals noch unter dem „Protektorat“ der Franzosen und der Engländer, welche am Erdöl der Arabischen Halbinsel größtes Interesse hatten.    

Wenn man rückblickend bis in die Gegenwart sieht, dann ist es heute ein gefährlicheres Unterfangen auf der Reiseroute von 1933 zu fahren, als vor 80 Jahren, denn Syrien, Irak, Iran und Afghanistan sorgen täglich für Schlagzeilen.

Mit seiner politischen Aussage vor 30 Jahren, „das würde heute nicht mehr gehen“, wird Max Reisch wohl noch für lange Zeit recht behalten.

Manch reiselustiger und orientbegeisteter Motorradfahrer hat sich an der Max Reisch -Route versucht und mußte letztendlich einen anderen Weg wählen. Ich erinnere an Heinz Kaminski von der Technischen Universität in Wien, der 2007 schrieb: ....... brach ich Ende September zur größten und schwersten Etappe meiner Fahrt auf. Zu dieser Zeit hatte ich mich entschlossen, den Irak aufgrund der unsicheren, politischen Lage nicht zu durchfahren.

 16kaminskiweb.jpg_145  17kaminskiweb.jpg_145 23kaminskiweb.jpg_145  © H.Kaminski 

Bilder von Herrn Kaminskis Indienfahrt 2007, auf der Original-Route von Max Reisch. mit freundlicher Genehmigung von Heinz Kaminski 

Die Probleme der Weglosigkeit am Landwege nach Indien sind heute nicht mehr gegeben, mittlerweile hat das Kraftfahrzeug die Welt erobert, Straßen, ja Autobahnen werden nun auch durch die Wüsten gebaut. Dies „verdanken“ wir sicher auch geographischen Verkehrspionieren vom Schlage meines Vaters.

Wohl aber bedeuten die Einsamkeit und die Weite der Wüste noch immer die gleiche Belastung auf das Gemüt eines Wüstenreisenden. An dieser Stelle füge ich ein Foto ein: 

 1980_saharaweb_145 Es war 1980, als ich die Sahara durchquerte und die vielen Pisten Ratlosigkeit aufkommen ließen, GPS und Satelliten-Telefon waren noch nicht gebräuchlich. Durch Max Reisch geschult waren die Sonne und der Kompaß auch für uns die einzigen Hilfsmittel in der Sandwüste. Aber wir hatten auch Allrad und genügend PS!

Max Reisch kämpfte mit der Natur viel beschwerlicher, Sand und Geröll ließen ihm mit seinem 6 PS Puch - Motorrad wenig Chancen.

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Mein Vater erzählte oft, daß es unendliche Geduld gebraucht hat ins „Fahren“ zu kommen und es war ein seltener Genuß, wenn er einen höheren Gang verwenden konnte.

Neben den Geländeschwierigkeiten, der Einsamkeit, kamen noch die erbarmungslose Sommerhitze und das tückische Sandfliegen-Fieber hinzu, welches den beiden, von Fernweh geplagten Studenten arg zusetzte. Um so glücklicher war mein Vater, als er endlich Britisch – Indien, mit jenen von den Engländern gut ausgebauten Straßen, erreichte.

Er beschrieb es so: "Gibt es noch Wunder? Es muß welche geben. Das seltsame breite Band vor uns, das sich durch das Tal wand, war eine Asphaltstraße. Wir hielten an, stiegen vom Motorrad und betasteten die glatte Oberfläche. Fast hätten wir sie geküßt."

Nach fast 2 Monaten war Indien endlich erreicht, es war der 19.Oktober 1933, als sie Quetta erreichten und sie wieder „europäische“ Straßenverhältnisse vorfanden. Das erträumte Märchenland der Mogule entschädigte sie mit seinen Wundern für die Strapazen: Geparden, die an der Leine ausgeführt wurden oder Fakire und Schlangenbeschwörer. Oder täglich fünf Dienstboten zu ihrer Verfügung beim Maharadscha von Indore und vergnügliche Elefantenausritte standen ebenso auf der Wunschliste der Tagesordnung, welche allmorgendlich bei einem Appell besprochen wurden.

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397web_145 Eigentlich kann ich mir gut vorstellen, welch Glück der junge Max empfand, als er sein großes Ziel Indien erreicht hatte. War er doch erst vor einer Woche in der Wüste von Belutschistan 21 Jahre geworden! 

Als die Studenten im Winter 1933/34 nach gelungener Ausführung ihres Auftrages nach Wien zurückkehrten, galt es damals als Sensation, denn Max Reisch war der erste Motorradfahrer, der den Landweg nach Indien bezwungen hatte. Die Presse und auch die „Wochenschau“ nahm gebührend Notiz von der erfolgreichen Heimkehr. Die, nunmehr „Indien-Puch“ genannte Fernreise-Maschine wurde anschließend von der Industrie zu Werbezwecken verwendet und Max Reisch hielt eine Reihe von Vorträgen ("13.000 km durch Asien") in Österreich und Deutschland.

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1935 wurde dieses Motorrad im Wiener Technischen Museum ausgestellt und überdauerte den 2.Weltkrieg in einem Depot des Museums.

Danach erwarb mein Vater von den Puch-Werken „sein Motorrad“ und stellte es in Buchhandlungen aus, um den Verkauf seiner Bücher zu bewerben. Aber nicht nur Buchhandlungen, sondern auch STEYR-PUCH, der ÖAMTC, Banken und Kaufhäuser erkannten die Expeditionsmaschine mit der originalen Ausrüstung als werbewirksamen Blickfang.

Die „Indien-Puch“ war Vaters Liebling, er drückte stets seine Dankbarkeit gegenüber diesem treuen Gefährt aus. Ich kann nicht sagen, daß ich als Kind in den 1950 / 1960er Jahren eifersüchtig war und erkannte sehr bald den Stellenwert, welchen dieses Motorrad in seinem Leben einnahm!

Seine treue Puch wurde in den folgenden Jahrzehnten in den verschiedensten Bundesländern Österreichs ausgestellt, das bewahrte sie vor dem Vergessenwerden. Als Sekretär meines Vaters begleitete ich „Mann und Maschine“ zu ungezählten Vorträgen und Ausstellungen, und freute mich mit meinem Vater immer über das große Interesse, welches auch noch nach Jahrzehnten an dieser Fahrt zu spüren war.

Zum 50-jährigen Jubiläum der inzwischen „legendären“ Indienfahrt, setzte ein wahrer Ansturm auf das „Reisch-Orient-Archiv“ ein, welches er Ende der 1970er Jahre mit mir aufgebaut hatte. 1983 wurde eine überarbeitete und erweiterte Auflage seines Buches „Indien lockende Ferne“ herausgegeben, Vaters Verlage druckten Postkarten und Poster und die Firma STEYR einen Werbekalender, die Österreichische Post gestaltete einen Sonderstempel, der Film „Max Reisch, auf den Spuren von Sven Hedin“ wurde im Auftrag des ÖAMTC gedreht und Vater war Stammgast bei „Autofahrer Unterwegs“ des Österreichischen Rundfunks.

 “KURIER“-Artikel 1983

 Die Jubiläumsausgabe

sandschaufelbild_mit_autogramm_web_145Autogrammkartepoststempelweb_145Sonderpost-Stempel

posterweb_145 Poster   vorspann_amtcfilmweb_145 filmtitelweb_145 ÖAMTC-Film

Im Laufe der Jahrzehnte kristallisierte sich dann das heraus, was mein Vater schlußendlich auch zu der gültigen Erkenntnis brachte, „das würde heute nicht mehr gehen“, die Entwicklungen im Orient waren traurig für ihn zu sehen, an eine Besserung der Lage hat er nicht mehr geglaubt.

Nach 80 Jahren steht die „Indien-Puch“ in der „Max Reisch - Ausstellung“, sehr gut behütet und manch ein Besucher träumt heute noch davon auf meines Vaters Expeditionsroute nach Indien zu reisen.

 Aber es bleibt eben im Moment nur ein unerfüllbarer Wunsch, wie bei diesem britischen Fernreisenden und Journalisten Dave, dem ich ausnahmsweise erlaubte, am Sattel der Maschine zu träumen.........und in Gedanken von Aleppo nach Quetta zu fahren.

Anmeldung zum Ausstellungsbesuch unter